Geschichte des probiotischen Konzepts

Geschichte des probiotischen Konzepts

Geschichte des probiotischen Konzepts

Als Louis Pasteur und später Robert Koch ihre bahnbrechenden Arbeiten zur Mikrobiologie vorstellten, eröffnete sich der medizinischen Wissenschaft eine neue Welt. Und schnell rückten neben den gefürchteten Milzbrand- und anderen Krankheitserregern Mitte des 19. Jahrhunderts auch die nicht-pathogenen Keime des menschlichen Verdauungstrakts in den Mittelpunkt des Interesses. So war es nur eine Frage der Zeit, bis Mikrobiologen in aller Welt über ein therapeutisches Konzept nachdachten, das den verschiedenen Spezies gerecht wurde, die unter dem Oberbegriff „Darmflora“ zusammenfassend beschrieben wurden. Tatsächlich hat indirekt Pasteur selbst die Diskussion um ein probiotisches, gesundheitsförderndes Konzept los getreten, denn der französische Naturwissenschaftler konnte in verschiedenen Versuchsreihen zeigen, dass nicht-pathogene Darmbakterien den Milzbranderreger im Wachstum hemmen.

Später beschrieben Wissenschaftspioniere wie Ilja Metschnikoff und Leo Frederick Rettger ähnliche Phänomene und postulierten einen „bakteriellen Antagonismus“, der „gute“ Keime in die Lage versetzte, bestimmte Krankheitserreger aus dem Darmlumen zu verdrängen. Zu den Wegbereitern des probiotischen Konzepts gehörten neben den genannten auch Größen wie Paul Ehrlich, der sich ebenfalls entscheidend um die Bekämpfung bakterieller Infektionen verdient machte, und der Kinderarzt und Bakteriologe Theodor Escherich, der sich ausführlich mit der Zusammensetzung und der Funktionalität der Darmflora auseinander setzte.

Ilja Metschnikoff, der direkte Nachfolger Pasteurs am Pasteur-Institut in Paris, war dann Anfang des 20. Jahrhunderts der erste Bakteriologe, der den prophylaktischen Einsatz von Laktobazillen öffentlich diskutierte. Der russische Nobelpreisträger gilt deshalb heute als der Stammvater des probiotischen Konzepts. Um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert gingen die Forscher allerdings noch davon aus, dass sich im Darm aufgrund der bakteriell initiierten Verdauungsprozesse zwangsläufig verschiedene Giftstoffe anhäuften. Probiotische Präparate dienten entsprechend zunächst nicht der Unterstützung der körpereigenen Darmflora, sondern sollten vielmehr der scheinbar unvermeidlichen „intestinalen Intoxikation“ entgegen wirken.

Dass eine gesunde Darmflora ihren Wirt nicht nur nicht schädigt, sondern ihn vielmehr mit essentiellen Nährstoffen versorgt und darüber hinaus auch noch das Immunsystem unterstützt, erkannte die Wissenschaft erst nach und nach. Das alte Medizinersprichwort, nach dem „der Tod aus dem Darm kommt“, hielt sich in einigen Fachkreisen sogar bis in die 2. Hälfte des 20 Jahrhunderts hinein. Heute weiß man, dass Escherichia coli & Co. keine Parasiten sind, sondern dass der Mensch ohne seine stoffwechselaktiven Untermieter nicht leben könnte. Der exzessive Gebrauch von Antibiotika, der nach der Entdeckung des Penicillins im Jahr 1928 einsetzte, lieferte erste Hinweise darauf, dass bakterizide Arzneistoffe über die Schädigung der natürlichen Darmpopulationen schwere Durchfälle hervorrufen können, die unbehandelt zum Tod führen können.

Mit der Weiterentwicklung der Antibiotika, die in ihrer natürlichen Ausprägung ebenfalls von Mikroorganismen produziert werden, geriet das probiotische Konzept zunächst in Vergessenheit. Zwar hatte der Freiburger Arzt Alfred Nissle bereits 1917 seinen berühmten Escherichia coli Stamm Nissle 1917 zur Behandlung schwerer Darminfektionen angemeldet, in der Praxis waren die neuen antibiotischen Wirkstoffe den wenigen probiotischen Darreichungsformen aber weit überlegen.

Erst in den 1960er Jahren, als die meisten Antibiotika durchgetestet waren und sich die neue Behandlungsmethode auch in ihrer Endlichkeit präsentierte, nahmen Mediziner, Biologen und Pharmazeuten den probiotischen Gedanken wieder auf. Seitdem enthüllen moderne Untersuchungsmethoden, randomisierte Studien und gesundheitsbewusste Nahrungsergänzungskonzepte ständig neue Einblicke in die faszinierende Welt der Probiotik.