Laktobazillen

Die Laktobazillen gehören taxonomisch zur Familie der Lactobacillaceae und stellen innerhalb dieser die größte Gruppe. Die Gattung Lactobacillus präsentiert sich dabei aktuell je nach Autor mit 80 Arten und 15 Unterarten. Folgt man den Untersuchungsergebnissen verschiedener Wissenschaftler, umfasst der Gattungsbegriff tatsächlich weit über 100 Arten, zu denen sich laufend neu charakterisierte Laktobazillen Spezies hinzu gesellen.

Laktobazillen besetzen als fakultative oder obligate Anaerobier in der Natur wichtige ökologische Nischen. Vor allem an Standorten, an denen ein niedriger Sauerstoffpartialdruck herrscht, verwandeln sie lösliche Kohlenhydrate und die Abbauprodukte tierischer und pflanzlicher Stoffwechselprozesse in verwertbare Nährstoffe. Laktobazillen spielen deshalb bei der Gesunderhaltung verschiedener Lebensräume eine wichtige Rolle.

In der menschlichen Entwicklungsgeschichte nehmen die Laktobazillen eine Ausnahmestellung ein, denn die Milchsäurebildner gehören zu den ersten Nutzbakterien, die ein Säugling mit der Muttermilch aufnimmt. Im Darmtrakt eines Säuglings, der bis zum Moment der Geburt noch steril ist, übernehmen probiotische Mikroorganismen die Oberaufsicht über die Installation einer geregelten Verdauung. Die Laktobazillen bilden gemeinsam mit den Bifidobakterien darüber hinaus eine Art Schutzpolizei, die potentielle Krankheitserreger fern hält und unerwünschten Nahrungskonkurrenten das Leben schwer macht. Ausschlaggebend ist dabei die Regulation des pH-Werts und die Stimulation der Infektabwehr. Laktobazillen erzeugen als typische Lactatbildner ein saures Mikroklima, das von pathogenen Erstsiedlern schlecht vertragen wird.

Im Laufe ihrer Entwicklung nehmen Kleinkinder weitere Laktobazillen aus der Umwelt und über die Nahrung auf. Art und Zusammensetzung der Darmflora ändern sich unter dem Schutzmantel der Milchsäurebakterien, die dem Nachwuchs bis ins Erwachsenenalter hinein eine gesunde Entwicklung des Gastrointestinaltrakts garantieren. Von der protektiven Physiologie der Laktobazillen profitieren auch andere Körperregionen, die über ausgedehnte Schleimhautareale in engem Kontakt mit der Umwelt stehen. So sorgen diverse Laktobazillen Arten zum Beispiel auch im Respirations- und im Urogenitaltrakt für ein ausgeglichenes Mikroklima.

In der Lebensmitteltechnik werden Laktobazillen seit Jahrtausend eingesetzt, um Nahrungsmittel haltbar oder leicht verdaulich zu machen. Als Probiotika tauchten sie Anfang des 20. Jahrhunderts in der Literatur auf, als der russische Nobelpreisträger Ilja Metchnikoff den Lactobacillus delbrückii ssp. bulgaricus erstmals einer breiten Öffentlichkeit als biologischen Wirkstoff vorstellte, dessen Verabreichung als Lebendkultur möglicherweise einen positiven Einfluss auf die menschliche Gesundheit hatte.